BipHoo CA

collapse
Home / Daily News Analysis / Angefeindete Boxerin Imane Khelif: Auf einen Schlag

Angefeindete Boxerin Imane Khelif: Auf einen Schlag

May 31, 2026  Twila Rosenbaum  2 views
Angefeindete Boxerin Imane Khelif:
Auf einen Schlag

Imane Khelif hat seit ihrem Olympiasieg in Paris keinen Kampf mehr bestritten – zumindest keinen im Boxring. Stattdessen war die algerische Weltergewichts-Olympiasiegerin zuletzt in der Vogue zu sehen, porträtiert mit Topfotograf, Styling, Haare, Make-up, Maniküre. Das Magazin bezeichnet sie als „Inspiration für Mädchen und Frauen weltweit“ und als Sportlerin, die eine neue Generation junger Frauen vertritt. Auch bei einer Modenschau in Mailand war sie als Stargast. Doch der ganz große Auftritt im Ring steht noch aus.

„Ich werde bald in die Welt des Profiboxens eintreten, ich habe viele Angebote“, kündigte Khelif Ende Oktober 2024 an. Die Botschaft, das Amateurboxen zu verlassen, ging einher mit der Nachricht, dass eine Streamingplattform eine Doku über ihr Leben produziert. Es soll Netflix sein, sicher ist das nicht. „Es gibt Geld zu verdienen und das tut sie auch“, kommentierte der britische Guardian. Und tatsächlich: Der britische Promoter Eddie Hearn, einer der Großen im Boxgeschäft, hat verkündet, gerne Khelif unter Vertrag zu nehmen. Bei Hearns Unternehmen Matchroom Sport boxt auch Katie Taylor, eine der besten Boxerinnen der Gegenwart. Zu den Vorwürfen gegen Khelif äußert sich Hearn ambivalent: „Ich werde nicht sagen, was richtig oder falsch ist.“ Aber sein ökonomisches Interesse formuliert er bemerkenswert offen: „Erstens ist sie offensichtlich eine talentierte Kämpferin. Zweitens ist sie kommerziell gesehen von 30.000 oder so auf über zwei Millionen Instagram-Follower gekommen.“

Der Skandal von Paris

Imane Khelif war der Aufreger der Olympischen Spiele. Im Achtelfinale hatte sie eine italienische Boxerin so deutlich dominiert, dass diese nach 46 Sekunden aufgab. Prompt wurden Gerüchte gestreut, Khelif sei biologisch ein Mann. Der Weltboxverband IBA glaubte daran erinnern zu müssen, dass Khelif und die Federgewichtlerin Lin Yu-ting aus Taiwan 17 Monate zuvor von diesem Verband gesperrt worden waren. Beide seien bei einem Geschlechtstest „durchgefallen“. Im Grunde, so die Botschaft, seien Khelif und Lin Männer in Frauenkleidern, Betrüger.

Die IBA ist allerdings kein anerkannter Boxverband mehr. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat den Verband schon 2019 suspendiert. Grund ist unübersehbare Korruption, verkörpert im IBA-Präsidenten Umar Kremlew. Der ist ein enger Buddy des russischen Präsidenten Wladimir Putin, früher war er Mitglied der rechtsradikalen Rockergruppe Nachtwölfe. Das olympische Boxen darf die IBA nicht organisieren, das hat das IOC zuletzt selbst in die Hand genommen. Was die IBA über Imane Khelif verbreitete, wurde von interessierter Seite gerne aufgegriffen. Giorgia Meloni, Elon Musk und Donald Trump, damals noch Präsidentschaftskandidat, wetterten gegen Khelif. Imane Khelif und Lin Yu-ting, die sich beide als cis-Frauen verstehen, wurden in den Kulturkampf hineingezogen, ob es mehr als zwei Geschlechter gebe – oder: geben dürfe. Die Behauptung, männliche Betrüger würden sich als trans Frauen oder intersexuelle Menschen in den Frauensport einschmuggeln, steht schon eine Weile im Mittelpunkt rechter und rechtsextremer Ideologie.

Die Hintergründe der Genderdebatte

Khelif wurde mit einer Form von Intersexualität geboren, wie aus einem Bericht der französischen Zeitung Le Monde hervorgeht. Sie hat XY-Chromosomen, aber weibliche äußere Geschlechtsmerkmale und wurde als Mädchen aufgezogen. Ihr Pass weist sie als Frau aus, und das IOC akzeptiert dies. Die Regeln des IOC für die Olympischen Spiele 2024 in Paris sehen vor, dass Athletinnen nach ihrem legalen Geschlecht und ihrer Geschlechtsidentität antreten können. Die IBA hingegen führte vor Jahren einen Chromosomentest ein, den Khelif und Lin nicht bestanden. Die IBA ist jedoch wegen Korruptionsvorwürfen nicht mehr Olympia-Partner, und das IOC hat die Tests des Verbands als „willkürlich“ und „fehlerhaft“ kritisiert.

Die Debatte um Khelif und Lin ist Teil eines größeren politischen Kulturkampfs. In den USA und Europa nutzen rechte Politiker und Aktivisten die Fälle, um gegen Trans- und Interessenrechte zu mobilisieren. Trump verhängte am Tag seines Amtsantritts ein Dekret, wonach US-Bundesbehörden nur noch das männliche und weibliche Geschlecht anerkennen dürfen, kein drittes. Die IBA wandte sich prompt an Trump: „Aufrichtige Dankbarkeit für Ihre starke und prinzipielle Haltung in Bezug auf die Unzulässigkeit der Teilnahme nicht teilnahmeberechtigter Athletinnen an Frauenboxwettbewerben“ schrieb IBA-Präsident Kremlew. Trump solle sich doch bitte dafür einsetzen, dass bei den Olympischen Sommerspielen 2028 Boxen als olympischer Sport stattfindet – von der IBA organisiert und nach deren Vorstellungen, wer dabei sein darf oder nicht.

Khelifs Karriere und Zukunft

Imane Khelif startete ihre Boxkarriere in Algerien, wo sie 2018 afrikanische Meisterin wurde. Sie nahm an den Olympischen Spielen 2020 in Tokio teil, schied aber im Viertelfinale aus. In Paris zeigte sie dann eine dominante Vorstellung und gewann die Goldmedaille. Ihre Überlegenheit löste die Debatte aus. Khelif selbst weist die Vorwürfe zurück: „Ich bin eine Frau. Ich wurde als Frau geboren. Ich bin als Frau aufgewachsen. Ich bin eine Kämpferin. Ich bin eine Athletin. Ich bin Olympiasiegerin“, sagte sie in Interviews.

Nun plant sie den Wechsel zu den Profis. Was kaum bekannt ist: Das war sie 2023, ein Jahr vor Olympia, schon einmal. Da bestritt sie in Singapur erfolgreich einen Kampf gegen Suwanun Antanai aus Thailand. Für Olympia kehrte Khelif zu den Amateuren zurück. Im Profibereich drohen ihr weniger Anfeindungen, da die Boxerinnen selbst entscheiden können, gegen wen sie antreten. Zudem ist das kommerzielle Potenzial groß. Der Promoter Eddie Hearn hat bereits Interesse bekundet. Doch noch ist Khelif bei keinem Profiboxstall untergekommen. Ob sie wirklich bald als Berufsboxerin auftreten wird, ist immer noch offen.

Lin Yu-ting und der taiwanesische Weg

Während Khelif den Profisport anstrebt, plant Lin Yu-ting, ihre Federgewichts-Goldmedaille von Paris in Los Angeles 2028 zu verteidigen. Die Sportwissenschaftlerin sitzt daneben noch an ihrer Doktorarbeit und hat einen Lehrauftrag an der Universität. Von der taiwanesischen Regierung wurde sie gegen Angriffe der IBA und von Trump in Schutz genommen. Das Bildungsministerium in Taipeh ernannte sie zur Antimobbingbotschafterin. Lin Yu-ting trainiert weiter für Olympia, obwohl die Debatte um ihr Geschlecht sie stark belastet hat. Sie sagt: „Ich konzentriere mich auf meinen Sport. Die Menschen, die mich kennen, wissen, wer ich bin.“

Die Zukunft des olympischen Boxens ist ungewiss. Das IOC hat angekündigt, Boxen in Los Angeles 2028 aus dem Programm zu nehmen, wenn kein neuer, glaubwürdiger Weltverband gefunden wird. Die IBA versucht, sich mit Unterstützung Trumps wieder ins Spiel zu bringen. Sollte die IBA tatsächlich wieder die Kontrolle über das olympische Boxen erlangen, könnten Khelif und Lin von der Teilnahme ausgeschlossen werden – selbst wenn sie sich als Frauen definieren. Der Fall zeigt, wie sehr politische Entwicklungen den Sport beeinflussen können.

Imane Khelif hat sich entschieden, im Profiboxen ihr Glück zu suchen. Dort wird sie weniger Regularien und Anfeindungen ausgesetzt sein, dafür aber umso mehr kommerziellen Druck. Ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende geschrieben – weder im Ring noch im gesellschaftlichen Diskurs.


Source: taz.de News


Share:

Your experience on this site will be improved by allowing cookies Cookie Policy